"Nix sein kann´s immer“ – Der Girls` Day ist 15!


„Nix sein kann´s immer. Alles ausprobieren und einfach tuan.“ So brachte Nicol Papes, Elektrotechnikerin-Lehrling im 2. Lehrjahr bei Fiegl und Spielberger nochmal herzerfrischend auf den Punkt, was LRin Christine Baur in ihren Begrüßungsworten zur 15-Jahrfeier des Girls` Day am 19. Mai im Landhaus in Innsbruck schon ansprach: „ Der Girls` Day ist dazu da, einmal in sich hinein zu spüren und nachzuempfinden, ob ich mir einen technischen oder handwerklichen Beruf vorstellen kann." 

"Und was es eigentlich heißt, Mann oder Frau zu sein und wie sich das auf das eigene Leben auswirkt. Am Girls` Day können wir das alle üben. Brauchen wird’s aber wohl noch einige Übungstage, bis wir von einer Gleichstellung am Arbeitsmarkt sprechen können.“, so Baur weiter.


Mission impossible?
Dass das Ziel tatsächlich noch nicht erreicht sei, sich aber durchaus etwas bei Mädchen und ihrer Berufswahl bewegt, bestätigten sowohl Roswitha Tschenett vom Bundesministerium für Frauen und Bildung sowie Martina Kohlberger von GE Jenbacher.


Tschenett wies darauf hin, dass österreichweit seit 2013 Metalltechnik Einzug in die Top Ten der von Mädchen gewählten Berufe gehalten hat. Das Berufswahlspektrum der Burschen sei hingegen viel starrer, hier habe sich in den letzten Jahrzehnten überhaupt nichts getan: Burschen entscheiden sich für die immer selben Ausbildungen.
 


Mit den richigen Worten Frauen für den Betrieb gewinnen
Auch Kohlberger erlebt als Personalleiterin bei GE Jenbacher, dass sich immer mehr Mädchen für technische Berufe interessieren und sich auch dafür bewerben. Das führt sie einerseits auf Aktionstage wie den Girls` Day zurück, an dem der Betrieb seit über 10 Jahren teilnimmt. Besonders aber auch auf die Bereitschaft des Unternehmens, zu analysieren, wie Frauen besser angesprochen werden können.

 „In einer gemeinsamen Studie mit der Uni Innsbruck haben wir 4000 Bewerbungen durchleuchtet und fanden heraus, dass wir beispielsweise stark an unserem Wording arbeiten müssen. Wir verwenden traditionell eine sehr maskuline Sprache, die Frauen abschreckt.“

 Erfahrungsgemäß sei schon viel getan, wenn in einem Stelleninserat einige feminine Begriffe eingebaut werden. Da ist dann beispielweise in der Jobanforderung von „Mitarbeiterverantwortung“ und nicht mehr von „Führungsqualität“ die Rede.

Gleichzeitig hat GE Jenbacher aufgrund der Analyseergebnisse Stellenausschreibungen stark gekürzt. Können Frauen nach eigenem Empfinden auch nur eine Anforderung nicht erfüllen, bewerben sie sich erst gar nicht. Egal, ob sie die 14 anderen Punkte abdecken können. Männer bewerben sich auch dann, wenn sie nur 2 von 14 Anforderungen erfüllen können.

„Wir verzichten daher auf eine lange Anforderungsliste. Die Männer bewerben sich trotzdem und seither erfreulicherweise auch mehr Frauen.“, so Kohlberger.

Knackpunkt Eltern
Die Innsbrucker Verkehrsbetriebe (IVB) gehen denselben Weg. Birgit Haidacher, Personalleiterin der IVB, sieht ebenfalls die Erfolge dieser Unternehmensstrategie: „Wir wollen mehr Frauen im Unternehmen und sehen, dass wir mit unseren Maßnahmen durchaus Frauen ansprechen. Knackpunkt sind bei jungen Frauen dann kurz vor der endgültigen Entscheidung aber häufig die Eltern.“ Diese sollten daher so früh als möglich in den Bewerbungsprozess mit eingebunden werden.

„Je besser auch die Eltern informiert sind, was genau auf ihre Tochter in der Ausbildung und im Beruf zukommt, desto eher können die jungen Frauen mit der Unterstützung der Eltern rechnen.“ Und der Einfluss der Eltern bei der Berufswahl sollte nicht unterschätzt werden.

 
Dies beweisen wohl auch die beruflichen Werdegänge der drei jungen Frauen, die das Publikum an ihren Erfahrungen teilhaben ließen. Die Karosseriebautechnikerin Anna-Lena Leitner (IVB), Elektrotechnikerin Nicol Papes (Fiegl und Spielberger) und Chemielabortechnikerin Andrea Spiss (Sandoz) hatten jeweils die volle Unterstützung ihrer Eltern.

Schwieriger sei es gewesen, herauszufinden, dass es die jeweiligen Berufe überhaupt gibt. Bei allen dreien spielte eher der Zufall eine große Rolle bei der Berufswahl. „Man fährt so oft bei einer Baustelle vorbei und sieht gar nicht, welch tolle Berufe es dort gibt. Ich war immer technisch begabt und hab dann aufgrund des Tipps eines Kollegen bei Fiegl und Spielberger als Elektrotechnikerin angefangen. Auch wenn ich erst nicht genau wusste, was ich da genau machen werde.“, so Papes.

So viele unterschiedliche Berufszweige wie möglich im Vorfeld ausprobieren, ist daher der eindringliche Tipp von allen drei jungen Frauen. Und sich nicht von skeptischen Äußerungen im eigenen Umfeld drausbringen lassen.
 


Gesamtgesellschaftliches Thema – Schulen, peer group, Medien
Damit sprechen die jungen Frauen an, dass Gleichstellung und eine freie Berufswahl für Mädchen auch ein gesamtgesellschaftliches Thema ist.  

PädagogInnen, Eltern, peer group und Medien müssen am Rädchen mit drehen. Solange immer dieselben Rollenbilder transportiert werden, wird es nicht einfach, was zu ändern. 
 

Da waren sich die VertreterInnen des Landeschulrates, der Unternehmen und Institutionen wie AMS und des Vereins Mannsbilder bei der Veranstaltung einig.

Im schulischen Bereich wird von Seiten des Bildungsministeriums klar mit Aus- und Weiterbildung von PädagogInnen angesetzt. „Berufsorientierung muss gleichstellungsorientiert sein, die Genderkompetenz der Lehrenden gestärkt werden und somit biologistischen Zuschreibungen, wie ´Burschen sind halt wilder und technisch begabter`, entgegen gewirkt werden.“, so Tschenett.

Das Bildungsministerium stellt Schulen unter anderem Selbstevaluierungsinstrumente zur Verfügung, um in einem ersten Schritt den diesbezüglichen Status Quo der eigenen Schule erfassen zu können.

Hier wie vor allem in allen anderen Bereichen wird nichts anderes helfen, als zu sensibilisieren, Bewusstsein zu schaffen und wie es LRin Baur zusammenfasste: „An Tagen wie dem Girls` Day üben.“

Mehr Frauen – besseres Betriebsklima
Der steigende Frauenanteil im Betrieb wirkt sich sehr positiv auf das Klima im Betrieb aus. „Gemischt-geschlechtliche Teams tun gut“, bringt es Haidacher auf den Punkt. Elisabeth Stögerer-Schwarz, Leiterin des Fachbereichs Frauen und Gleichstellung, bestätigt schmunzelnd: „Die Girls` Day Betriebe melden uns jedes Jahr zuverlässig, dass der After-Shave-Gehalt im Unternehmen an diesem Tag besonders hoch ist.“

Auch der Entwicklung des heimischen Arbeitsmarktes tut es gut, wenn Frauen ihr bislang brachliegendes Potenzial in technischen und naturwissenschaftlichen Bereichen einsetzen. „Den Arbeitsmarkt durch Frauen als Fachkräfte in technischen und handwerklichen Berufen zu beleben, ist uns wichtig.“, so Arbeitslandesrat Johannes Tratter. 

 "Und dass die jungen Frauen damit gleichzeitig einer sicheren und finanziell unabhängigen Zukunft entgegen steuern, freut uns besonders.“, ergänzt Maria Steibl, Geschäftsführerin der amg-tirol, unter deren Dach der Girls` Day angesiedelt ist.
 


"Die Förderung der Gleichstellung von Frauen und Männern im beruflichen Umfeld, insbesondere die Erweiterung des Berufsspektrums ist einer der Schwerpunkte der Arbeitsmarktförderung, weshalb wir den Girls` Day seit vielen Jahren aktiv begleiten und finanziell unterstützen.", so Ines Bürgler, Leiterin des Sachgebiets Arbeitsmarktförderung.  

Und dass weiterhin daran gearbeitet wird, mehr Frauen den Weg in technische Berufe zu ebnen, war für alle vor Ort klar. „Wir wollen nicht auf die Hälfte der Bevölkerung verzichten“, waren sich vor allem die Unternehmensvertreterinnen abschließend einig. 

Vortrag Roswitha Tschenett, Bundesministerium für Bildung und Frauen (pdf)
Vortrag Martina Kohlberger, GE Jenbacher (link)
15 Jahre Girls` Day in 15 Minuten (link)

Der Girls` Day ist eine Veranstaltung der amg-tirol in Zusammenarbeit mit dem Landesschulrat für Tirol und gefördert von Land Tirol/Arbeitsmarktförderung sowie Land Tirol/JUFF-Fachbereich Frauen und Gleichstellung.

Weitere Informatinen zum Girls` Day finden Sie hier.